Ein Osterreicher ist der Konig von Georgetown

Immobilien-Mann der Woche Anthony M. Lanier entwickelte in Washingtons Nobel-Bezirk mit deutschem Kapital 50 Immobilienprojekte

Von Rainer Zitelmann

Washington, D.C. — Arnold Schwarzenegger ist nicht der einzige Osterreicher, den es von der Alpenrepublik in das Land der unbegrenzten Moglichkeiten zog – und der dort einen gro?en Erfolg hatte. Zwar ist Anthony M. Lanier in den USA sicherlich nicht so bekannt wie der Muskelmann und Filmheld, aber in der Hauptstadt Washington – und vor allem in dem Nobelbezirk Georgetown – ist er zu einer festen Gro?e geworden.
Georgetown ist der Bezirk mit dem hochsten Einkommen in Washington. Hier wohnen Anwalte, Arzte, Politiker, Unternehmer und nicht zuletzt auch die Erben aus reichen amerikanischen Familien. So ist es erklarlich, dass die Firma von Anthony Lanier, EastBanc, genau dort — gemeinsam mit den Millenium Partners – zwei Ritz Carlton Hotels mit insgesamt 195 Luxus-Wohnungen entwickelt, von denen jede etwa eine Million US-Dollar kostet. Innerhalb weniger Monate waren bereits 60 Prozent der Wohnungen verkauft.

Aber dies ist nur eines von 60 Projekten, die EastBanc seit der Grundung im Jahre 1987 realisiert hat. Seit 1995 hat sich das Bautrager- und Projektentwicklungs-Unternehmen hauptsachlich auf die Sanierung von Gebauden in Georgetown konzentriert, die ausnahmslos unter Denkmalschutz stehen.

Wer glaubt, nur in Deutschland sei es kompliziert, denkmalgeschutzte Objekte zu sanieren, der kennt die Verhaltnisse in Washington nicht. Bevor die langwierigen und oft schwierigen Verhandlungen mit den Denkmalschutzbehorden beginnen, muss der Investor ein anderes Verfahren bestehen, das es in Deutschland nicht gibt, namlich die so genannten ANC-Anhorungen.

Die Nachbarschaftskommissionen sind die kleinsten politischen Einheiten in Washington. Jeweils sechs bis zwolf Hauserblocks wahlen ihre politischen Vertreter. Und wer irgendein Bauvorhaben durchfuhren will, der muss zu allererst die Zustimmung der offentlichen Versammlungen erreichen, die uber die Auswirkungen des Projektes auf die Nachbarschaft befinden.

„In den letzten funf Jahren habe ich jeweils funf Abende und Nachte in der Woche in solchen Versammlungen verbracht“, so Lanier. Hier gilt es Uberzeugungsarbeit zu leisten, denn neben den Menschen, die konstruktiv mitarbeiten wollen, gibt es — wie uberall auf der Welt – die Querulanten, die professionellen Bedenkentrager und auch ideologisch motivierte Kritiker. Und naturgema? beteiligen sich diese haufiger an den Versammlungen als der Durchschnittsburger, der nichts gegen ein Projekt einzuwenden hat.

Wenn der 12-Stunden-Arbeitstag, den Lanier in einem der wertvollsten Gebaude Washingtons verbringt (es befindet sich direkt gegenuber der Weltbank und gehort ihm gemeinsam mit der Munchner TMW-Beratungsgesellschaft) voruber ist, dann beginnen die endlosen Nachtsitzungen, in denen aus dem professionellen Investor und Projektentwickler der kommunalpolitische Profi geworden ist, der um Mehrheiten fur seine Projekte kampft.

In vielen Fallen sind Kompromisse und Abfindungen notwendig. Gerade bei gro?eren Projekten ist es kaum moglich, dass man sie unverandert durch den Ausschuss bekommt. Wenn die Denkmalbehorde dann noch Veranderungen vornimmt, kommt das Projekt wieder in den Ausschuss — und die ganze Prozedur beginnt von vorne.

Anthony Lanier passt nach Georgetown, wo fast alle Familien mindestens zwei Sprachen sprechen. Lanier, der mit einer Portugiesin verheiratet ist, 1952 als Sohn eines Amerikaners und einer Osterreicherin in Rio de Janeiro geboren wurde und dann in Wien aufgewachsen ist, begann seine Immobilienkarriere in London. Schon wahrend seines Studiums in Wien hatte er begonnen, fur ein gro?es Maklerunternehmen zu arbeiten. Die nachsten Stationen seiner Karriere waren Saudi Arabien und England, wo er fur eine amerikanische Hypothekenbank arbeitete. Diese Aktivitaten fuhrten ihn in die USA.

Jeder, der Spa? am „Monopoly“-Spiel hat, kann Laniers Investmentstrategie verstehen: er kauft in einem ganz eng umgrenzten Bezirk, in dem er jeden Quadratmeter kennt, systematisch Hauser auf und entwickelt diese, um den Wert des Bezirkes und damit seiner eigenen Objekte zu steigern. „Seit wir 1995 mit der Arbeit in Georgetown begannen, hat sich der Wert der meisten Grundstucke verdreifacht“, so Lanier.

„Zu einer Vision gehoren jedoch auch die finanziellen Moglichkeiten, um diese zu realisieren“, so betont er. Und da mag es manchen erstaunen, dass gerade die als risikoscheu und konservativ geltenden deutschen Banken und Versicherer (beispielsweise die Victoria, die Bayerische Landesbank, die TMW AG oder die Westdeutsche Immobilienbank) sowohl das Eigen- als auch das Fremdkapital zur Realisierung der Visionen von Lanier gebracht haben. Inzwischen hat Lanier in Georgetown das erreicht, wovon wir als Kinder beim Monopoly-Spiel alle getraumt haben: mit vielen Wohn- und Geschaftshausern und nunmehr auch zwei noblen Hotels hat er in Georgetown sein „Monopoly“ aufgebaut - und das Spiel ist noch nicht zu Ende.

Eastbanc Inc.

Grundung: 1987

Geschaftstatigkeit: Bautrager und Projektentwickler.

Realisiertes Investitionsvolumen: 375 Mio. US-Dollar, geplant bis 2001: 700 Mio. US-Dollar. 60 Projekte, davon 50 in Georgetown, Washington.

Anthony M.Lanier: geb. 1952 in Rio de Janeiro, aufgewachsen in Wien. Studium der Wirtschaftswissenschaft, Tatigkeit als Immobilienmakler und Finanzier in Wien, London und den USA.